| Weiterführung der Predigt von Pfarrerin Sylvia
Wiederspahn
Es tut auch
weh, hierherzukommen: sich seinen Erinnerungen zu stellen. Wieder diesen
Schmerz auszuhalten. Und nicht zu wissen, wann er wieder geht.
Jans Eltern
sind heute nicht gekommen. Gestern war Jans Geburtstag und die
Erinnerung war wieder so lebendig.
Mit 16 Jahren hat Jan sein Leben beendet. Zuerst schmerzte der
Liebenskummer, dann kamen Schulprobleme, sein bester Freund zog weg; er
hat es nicht mehr ausgehalten. Jetzt müssen seine Eltern und seine jüngere
Schwester ohne ihn weiterleben. Warum konnten wir ihm nicht helfen,
fragen sie sich und leiden jeden Tag.
Unendlich ist der Schmerz, den Jans Eltern erleben. Nie wieder ist ihr
Leben so wie es vorher war. Es gibt auch keinen Trost, denn sie finden
keine Antwort auf die Frage nach dem Warum.
Zu ihrer Trauer gesellt sich die Erfahrung von Sprachlosigkeit. Freunde
und Verwandte fragen nicht nach Jan, sie wollen nicht an der Wunde rühren,
sie sind hilflos angesichts der großen Trauer. Sie wissen nicht, wie
sie sich verhalten sollen. Sie würden schon gerne helfen, aber es gibt
nur die Möglichkeit, den Schmerz der Eltern zu begleiten, dazu sein und
zuzuhören - wer traut sich das zu?
Jans Familie drohte an der Trauer zu zerbrechen, sie versuchten, den
Verlust zu verstecken, zu verdrängen. Es dauerte über ein Jahr bis sie
sich entschlossen, in eine
Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern zu gehen. Hier fanden sie Gesprächspartner
und erfuhren, wieviele Betroffene es gibt.
Es ist schwer, in unserer Zeit mit Trauer im Herzen zu leben: andere
Werte zählen. Der Tod wird lieber ausgegrenzt. Trauerkleidung,
Trauerzeit - das alles haben wir hinter uns gelassen, der Tod soll nicht
sichtbar sein.
Als einziger öffentlicher Ort der Trauer sind unsere Friedhöfe
geblieben. Sie erinnern uns an die Endlichkeit jeden Lebens. Hier ist es
sichtbar, dass der Tod zu jedem Leben gehört.
Jans Eltern haben in schweren Jahren gelernt, die Trauer um ihren Sohn
als Teil ihres Lebens anzunehmen. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht an
Jan denken. Sie leben ohne ihn.
In diesen Jahren hat ihnen immer wieder Psalm 139 geholfen.
Von allen Seiten umgibst du mich und hälst deine Hand über mir.
Führe ich gen Himmel, so bist du da.
Bettete ich mich bei den Toten, siehe, auch da bist du.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
Und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich
halten.
Es ist der
Glaube, dass Gott auch bei den Toten ist. Jan ist nicht allein, irgendwo
- er ist von Gott nicht vergessen, Gott trägt ihn, hält ihn. Ich mag
ihn vergessen, seine Freunde mögen ihn vergessen - Gott nicht. Von
allen Seiten umgibt er ihn.
Diesen Gedanken, diesen Glauben wollen wir mit der Trauerstätte ausdrücken:
der Kelch und die Blüten aus Metall, die Sträucher und Blumen und Bäume
drumherum - sie zeigen, dass wir eingebunden sind in Werden und
Vergehen.
Die Skulpturen erinnern an unsere verstorbenen Kinder, gleich welchen
Alters. Sie sind in uns da. Sie bleiben uns so nah.
Ich glaube, dass alles Leben seine Vollendung bei Gott findet, dass Gott
niemanden entlässt aus seiner Liebe - nicht im Leben, nicht im Tod.
Amen.
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